Die Kunst, miteinander ins Gespräch zu kommen
- margretkellner
- 21. Juli
- 5 Min. Lesezeit

„Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Wenn dies geschieht, entsteht Kontakt.“– Virginia Satir
Gespräche prägen unser Leben – in Partnerschaften, Familien, Freundschaften und im beruflichen Alltag. Und doch erleben viele Menschen, dass sie sich trotz vieler Worte nicht wirklich verstanden fühlen. Missverständnisse entstehen oft nicht deshalb, weil zu wenig gesprochen wird, sondern weil wir uns nicht wirklich begegnen.
Ein gutes Gespräch ist weit mehr als der Austausch von Informationen. Es schafft Verbindung, Vertrauen und gegenseitiges Verständnis. Es eröffnet die Möglichkeit, unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen, Konflikte zu entschärfen und Beziehungen zu stärken.
Nonverbale Kommunikation
Noch bevor wir ein einziges Wort miteinander wechseln, entsteht ein erster Eindruck. Unser Gegenüber nimmt unser äußeres Erscheinungsbild, unsere Körperhaltung, Gestik, Mimik und unsere Stimme wahr. Diese nonverbalen Signale vermitteln häufig mehr als unsere gesprochenen Worte.
Eine offene Körperhaltung kann Interesse und Wertschätzung ausdrücken. Dazu gehört beispielsweise, die Arme nicht vor der Brust zu verschränken, den Körper dem Gegenüber zuzuwenden und eine entspannte Sitzhaltung einzunehmen. Auch die Beine sollten möglichst nicht so übereinandergeschlagen werden, dass sie eine Barriere zwischen den Gesprächspartnern bilden. Ein freundlicher Gesichtsausdruck, angemessener Blickkontakt und ein gelegentliches Nicken vermitteln: „Ich bin bei dir. Ich höre dir zu.“
Auch die Stimme trägt wesentlich dazu bei, wie eine Botschaft wahrgenommen wird. Sprechtempo, Lautstärke und Tonfall beeinflussen die Wirkung unserer Worte. Eine ruhige, freundliche und wertschätzende Sprache schafft Sicherheit und lädt dazu ein, sich zu öffnen.
Nonverbale Kommunikation wirkt dabei immer in beide Richtungen. Sie hilft nicht nur dabei, Interesse auszudrücken, sondern gibt auch Hinweise darauf, wie es dem Gegenüber gerade geht. Wer aufmerksam beobachtet, kann Unsicherheiten, Freude, Anspannung oder Zurückhaltung häufig erkennen, noch bevor sie ausgesprochen werden.
Aktives Zuhören
Viele Gespräche scheitern nicht am Reden, sondern am Zuhören. Häufig sind wir gedanklich bereits bei unserer Antwort, während unser Gegenüber noch spricht. Wir vergleichen, bewerten oder suchen nach Lösungen, anstatt zunächst verstehen zu wollen.
Aktives Zuhören bedeutet, sich ganz auf den anderen Menschen einzulassen. Dazu gehört, aufmerksam zuzuhören, den anderen ausreden zu lassen und ihn nicht zu unterbrechen. Allein diese Form der Aufmerksamkeit vermittelt häufig das Gefühl, ernst genommen und gehört zu werden.
Hilfreich ist es außerdem, an Aussagen des Gegenübers anzuknüpfen und vertiefende Fragen zu stellen. Dadurch wird deutlich, dass wir das Gesagte aufnehmen und verstehen möchten. Gleichzeitig erhält unser Gesprächspartner die Möglichkeit, Gedanken weiter auszuführen oder zu präzisieren. Missverständnisse können auf diese Weise früh erkannt und geklärt werden.
Offene Fragen
Offene Fragen bereichern ein Gespräch, weil sie zum Nachdenken anregen und neue Perspektiven eröffnen. Im Gegensatz zu geschlossenen Fragen können sie nicht einfach mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden. Sie laden dazu ein, Gedanken, Gefühle und Erfahrungen ausführlicher zu beschreiben.
Besonders hilfreich sind sogenannte W-Fragen, die beispielsweise mit wie, was, woran oder welche beginnen.
Zum Beispiel:
Wie geht es dir mit dieser Situation?
Was könnte passieren, wenn du diesen Schritt gehst?
Welche Möglichkeiten siehst du für dich?
Woran orientierst du dich bei deiner Entscheidung?
Was glaubst du, wie deine Freunde das beurteilen?
Welche Hilfe kannst du von deiner Familie erwarten?
In der systemischen Beratung dienen Fragen nicht dazu, eine bestimmte Antwort hervorzurufen. Vielmehr eröffnen sie neue Blickwinkel und unterstützen Menschen dabei, ihre eigenen Ressourcen und Lösungsmöglichkeiten zu entdecken.
Gefühle verstehen
Ein gutes Gespräch braucht Raum für Emotionen. Hinter vielen Konflikten stehen unerfüllte Bedürfnisse, Ängste oder Verletzungen, die häufig unausgesprochen bleiben.
Hilfreich ist es, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und sie in Form von Ich-Botschaften auszudrücken. Statt zu sagen: „Du hörst mir nie zu.“ kann beispielsweise formuliert werden: „Ich fühle mich nicht gehört und wünsche mir, dass wir uns Zeit füreinander nehmen.“
Ebenso wichtig ist es, die Gefühle und Gedanken des anderen verstehen zu wollen und ihnen mit Respekt zu begegnen – auch dann, wenn sie sich von den eigenen unterscheiden. Es geht nicht darum, mit allem einverstanden zu sein, sondern darum, die Sichtweise des anderen nachvollziehen zu wollen. Diese Haltung bringt Wertschätzung zum Ausdruck, schafft Vertrauen und ermöglicht ein tieferes gegenseitiges Verständnis.
Klar sprechen
Eine klare und wertschätzende Sprache trägt wesentlich zu einem gelingenden Gespräch bei. Dabei kommt es nicht nur darauf an, was gesagt wird, sondern auch wie etwas formuliert wird.
In der systemischen Beratung richtet sich der Blick weniger auf das, was nicht möglich ist oder was vermieden werden sollte. Stattdessen stehen Möglichkeiten, Ressourcen und gewünschte Entwicklungen im Vordergrund. Deshalb ist es hilfreich, Aussagen positiv und lösungsorientiert zu formulieren. So entsteht eine Sprache, die Orientierung gibt und neue Perspektiven eröffnet.
Anstatt zu sagen: „So wird das nicht funktionieren.“ könnte beispielsweise formuliert werden: „Lassen Sie uns gemeinsam überlegen, welcher Weg für Sie hilfreich sein könnte.“ Oder statt: „Konzentrieren Sie sich nicht auf das Problem.“ eher: „Worauf möchten Sie Ihre Aufmerksamkeit stattdessen richten?“
Eine solche Sprache lenkt den Blick auf das Gewünschte und eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten, ohne Schwierigkeiten oder Herausforderungen auszublenden.
Eine Bewertung des Gehörten sollte möglichst vermieden werden. Bewertungen entstehen häufig aus den eigenen Erfahrungen, Überzeugungen und Maßstäben und spiegeln in erster Linie die eigene Sichtweise wider. Im systemischen Verständnis darf jedoch jeder Mensch seine eigene Wirklichkeit und seine eigene Sicht auf die Welt haben. Diese unterschiedlichen Perspektiven verdienen Respekt und Neugier. Wer auf vorschnelle Bewertungen verzichtet und stattdessen versucht zu verstehen, schafft einen Raum, in dem sich das Gegenüber angenommen fühlt und neue Sichtweisen entstehen können.
Nicht ohne Grund heißt es: „Ratschläge sind auch Schläge.“ Diese Redewendung macht darauf aufmerksam, dass ungefragte Ratschläge leicht den Eindruck vermitteln können, bereits zu wissen, was für den anderen richtig ist. Dadurch entsteht häufig – meist unbewusst – ein Gefälle zwischen den Gesprächspartnern.
Die systemische Haltung geht einen anderen Weg. Sie vertraut darauf, dass Menschen die Fähigkeiten und Ressourcen für ihre eigenen Lösungen bereits in sich tragen. Durch aufmerksames Zuhören, wertschätzende Fragen und echtes Interesse können diese Lösungen sichtbar werden. Wird ausdrücklich um einen Rat gebeten, kann es hilfreich sein, eigene Erfahrungen oder Anregungen anzubieten – jedoch stets als Angebot und nicht als einzig richtige Lösung.
Ein Gespräch kann der Anfang sein
Vielleicht kennen Sie Situationen, in denen Gespräche immer wieder in Missverständnissen enden, Konflikte entstehen oder wichtige Gedanken und Gefühle unausgesprochen bleiben. Manchmal scheint es, als würden wir dieselbe Sprache sprechen und uns dennoch nicht wirklich verstehen.
In der systemischen Beratung steht nicht die Suche nach der einen richtigen Lösung im Mittelpunkt, sondern das gemeinsame Verstehen. In einem geschützten und wertschätzenden Rahmen entsteht Raum, neue Perspektiven zu entdecken, eigene Ressourcen wieder wahrzunehmen und neue Wege zu entwickeln.
Oft beginnt Veränderung nicht mit einer großen Entscheidung, sondern mit einem Gespräch, in dem Menschen sich gesehen, gehört und verstanden fühlen.
Vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Gespräch – denn dort, wo Menschen sich wirklich begegnen, entsteht Kontakt.




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