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Raus aus der Opferrolle - Muster erkennen und neue Handlungsspielräume gewinnen

  • margretkellner
  • 7. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit


Wie der Ausstieg aus der Opferrolle gelingen kann


Der Begriff „Opfer“ ist vielschichtig und emotional stark besetzt. Deshalb ist es wichtig, zu Beginn eine klare Unterscheidung zu treffen. Es gibt Menschen, die Opfer konkreter Handlungen oder Ereignisse geworden sind – etwa durch physische Gewalt, sexuellen Missbrauch, Krieg oder Naturkatastrophen. Dieses Leid ist real, tiefgreifend und darf niemals relativiert oder infrage gestellt werden.

In diesem Artikel geht es ausschließlich um eine andere Form von Opfersein: um Menschen, die sich selbst subjektiv als Opfer wahrnehmen und einen Opferstatus für sich übernehmen – unabhängig davon, ob die aktuelle Lebenssituation dies objektiv rechtfertigt. Es geht also um eine innere Einstellung, nicht um das Leugnen realer Erfahrungen.


Woran ist eine Opferhaltung zu erkennen?

Menschen, die sich selbst als Opfer sehen, fühlen sich dem Leben häufig ausgeliefert. Sie erleben sich als machtlos und fremdbestimmt. Typische Anzeichen einer solchen Haltung sind:

  • häufiges Jammern und Klagen

  • die Zuweisung von Schuld an andere Menschen oder äußere Umstände

  • das Finden von Ausreden dafür, warum Veränderung nicht möglich sei

  • eine passive Grundhaltung („Ich kann sowieso nichts ändern“)

  • der Verlust des Glaubens an die eigene Selbstwirksamkeit

Hinzu kommt oft ein Vergleich mit anderen: Menschen, denen es scheinbar besser geht, die erfolgreicher oder glücklicher wirken. Aus diesem Vergleich heraus entsteht das Gefühl, benachteiligt zu sein, was wiederum Selbstmitleid und Resignation bewirken kann.

Wer sich als Opfer sieht, mauert sich innerlich ein. Die eigenen Handlungsspielräume werden immer kleiner, die Wahrnehmung verengt sich, und das Leben wird nicht mehr gestaltend erlebt. Opfersein verführt zur Passivität.


„Es gibt zahlreiche Wege zum Glück. Einer davon ist, aufzuhören zu jammern.“Albert Einstein


Die Macht der Gedanken erkennen

Ein erster wichtiger Schritt, um die Opferrolle zu verlassen, besteht darin, sich der eigenen Gedanken, Gefühle und Worte bewusst zu werden. Denn sie halten die Opferhaltung aufrecht. Gedanken haben Kraft – sie beeinflussen Emotionen, Entscheidungen und letztlich das Handeln.

In der Fachliteratur wird in diesem Zusammenhang häufig von Achtsamkeitstraining gesprochen. Achtsamkeit bedeutet, wahrzunehmen, was gerade ist, ohne zu bewerten. Wer erkennt, wie oft leise oder laut geklagt, beschuldigt oder resigniert wird, gewinnt bereits Abstand zur eigenen Opfergeschichte.


Selbstwirksamkeit wieder aktivieren

Ein weiterer Schritt liegt darin, den Blick bewusst auf das zu richten, was bereits gelungen ist. Sich an eigene Erfolge zu erinnern – kleine wie große – und Dankbarkeit dafür zu empfinden, stärkt das Selbstbewusstsein und das Selbstvertrauen. Ebenso hilfreich ist es, sich der eigenen Stärken bewusst zu werden.

All dies trägt dazu bei, den Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit wieder zu aktivieren: das Vertrauen darauf, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken zu können. Der Fokus verschiebt sich weg von den außerhalb des persönlichen Verfügungsbereichs liegenden Umständen hin zur eigenen Person. Es wird nicht mehr gefragt: Wer oder was ist verantwortlich für meine Situation?, sondern: Was kann ich jetzt tun?

Die gegebene Situation wird akzeptiert – nicht im Sinne von Resignation, sondern als Herausforderung und Chance, bei der persönliches Wachstum möglich ist. Verantwortung für das eigene Leben wird übernommen.


Verzeihen – ein aktiver Schritt in die Freiheit

Im Prozess, die Opferrolle abzulegen, spielt ein weiterer Aspekt eine zentrale Rolle: das Verzeihen. Menschen, die leidvolle Erfahrungen gemacht haben – insbesondere durch andere Menschen –, kann es aus gut nachvollziehbaren Gründen Probleme bereiten, nicht oder nicht sofort zu verzeihen. Verzeihen kann schwer fallen. Und: Niemand darf dazu gezwungen werden.

Sollte es jedoch gelingen, anderen Menschen oder auch sich selbst zu verzeihen, ist dies ein kraftvoller, aktiver Schritt. Verzeihen bedeutet nicht, Geschehenes gutzuheißen oder zu vergessen. Es bedeutet vornehmlich, die eigene Zukunft nicht länger von Anklage, Hass oder Rache bestimmen zu lassen.

Der Blick richtet sich weg von Vergeltung und Schuldzuweisungen – und hin zu Gestaltung. Beschuldigungen machen nicht frei und nicht glücklich. Freiraum und Handlungsfähigkeit entstehen, wenn wir klar unterscheiden können zwischen dem, was wir nicht beeinflussen können, und dem, was in unserem eigenen Wirkungs- und Einflussbereich liegt. Genau darauf richtet sich die Aufmerksamkeit.


Vom Opfer zur Gestalterin, zum Gestalter des eigenen Lebens

Die Opferrolle zu verlassen ist kein einmaliger Akt, sondern ein Prozess. Er erfordert Bewusstheit, Mut und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Doch dieser Weg eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten, innere Freiheit und die Erfahrung, dem Leben nicht passiv ausgeliefert zu sein, sondern an der Gestaltung des persönlichen Lebens  aktiv         (mit-)wirken zu können.

Nicht passives Opfer bleiben – sondern die eigene Wirksamkeit wiederentdecken.

 

 

Exkurs: Opfer, victim und sacrifice – ein sprachlicher und spiritueller Blick

Ein Blick in den englischsprachigen Raum lohnt sich in diesem Zusammenhang. Während es im Deutschen für den Begriff „Opfer“ nur ein Wort gibt, unterscheidet die englische Sprache zwischen zwei Begriffen: „victim“ und „sacrifice“.

Der Begriff victim bezeichnet einen Menschen, der passiv Opfer von Gewalt, Unrecht oder schädigenden Umständen wird. Hier steht das Erleiden im Vordergrund, das Ausgeliefertsein, die fehlende Wahlmöglichkeit.

Demgegenüber beschreibt sacrifice ein freiwillig dargebrachtes Opfer. Es geht um eine bewusste Entscheidung, etwas von sich selbst hinzugeben – für einen höheren Sinn, für andere Menschen oder für ein größeres Ganzes.

Jesus kann hier als bekanntes Beispiel dienen.  Nach biblisch-christlicher Lehre bringt Jesus sich freiwillig als Opfer dar – als sacrifice –, um Menschen zu  entlasten und zu befreien.

Es eröffnet sich hier eine interessante Perspektive: Opfersein muss nicht zwangsläufig mit Passivität, Ohnmacht oder Selbstmitleid verbunden sein. Es kann – in einem spirituellen oder religiösen Verständnis – auch Ausdruck sein von Freiheit, Entscheidung und Hingabe für etwas Größeres und einen höheren Sinn.

Dieser Exkurs möchte einen Gedankenraum öffnen: Religiöse, spirituelle oder auch sprachliche Deutungsrahmen können in der systemischen Beratung eine wertvolle Ergänzung sein – vorausgesetzt, Klientinnen und Klienten bringen dafür Offenheit mit. Die in der englischen Sprache getroffene Unterscheidung zwischen „victim“ und „sacrifice“ kann dazu anregen, eigene Erfahrungen differenzierter zu betrachten und festgefügte Deutungen zu überprüfen.

Religion - und in diesem Fall auch Sprache - können so als Ressourcen erfahrbar werden, die dazu beitragen, Handlungsspielräume zu erweitern, Eigenverantwortung zu stärken und das Leben bewusster und zuversichtlicher zu gestalten.

 

 

 

 

 
 
 

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